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Genre: Drama, Historienfilm | Produktionsland: Deutschland | Produktion: CCC Cinema und Television | Regie: Marcus O. Rosenmüller | Drehbuch: Dr. Alice Brauner |Darsteller*innen: Axel Prahl, Christian Berkel, Bibiana Beglau, uvm. | Dauer: 103 Minuten | FSK: 16 | Kinostart: 5. November 2026 | Verleih & Vertrieb: Camino Filmverleih | Presse: Felix Neunzerling PR
Was kann und muss Film „Gegen das Vergessen“ leisten?
Was bleibt, wenn die letzten Zeugen des Holocausts verstorben sind?
Was kann und muss Film „Gegen das Vergessen“ leisten? – Ein Essay von Dr. Alice Brauner
Wir erleben, wie der Holocaust in zunehmender Weise unter das Gesetz der Äquivalenz gestellt wird, als ließen sich Unrechtsqualitäten quantifizieren, mit der Folge einer Nivellierung von Unterschieden. Wir erleben, dass der Holocaust zunehmend verharmlost, geradezu weichgespült wird. Gibt es keine Zeitzeugen mehr, gibt es keine lebendigen Beweise mehr für das grausamste Verbrechen der Menschheitsgeschichte.
Der Fall liegt doch mittlerweile so, dass eine Mehrheitsgesellschaft, die sich nicht zuletzt dank der Zeugenaussagen in den Frankfurter Auschwitzprozessen für das Leid von Minderheiten zu öffnen begann, sich eben dagegen zu verschließen droht, wenn über die Opfer der Geschichte kalt hinweggeschritten wird.
Film kann ein probates Mittel dagegen sein. Er ist ein mächtiges Medium, um die Erinnerung lebendig zu halten und zukünftige Generationen zu sensibilisieren. Er weckt Emotionen, vermittelt Geschichten visuell und macht historische Ereignisse zugänglich.
In Bezug auf die Shoah können Filme dabei helfen, die Schrecken und das Ausmaß der Verbrechen zu veranschaulichen und persönliche Geschichten von Überlebenden und Opfern zu erzählen. Sie können moralische und ethische Fragen aufwerfen, die Zuschauende zur Reflexion anregen. Sie bieten einen Raum für Diskussion über die Verantwortung von Individuen und Gesellschaften in Bezug auf Rassismus, Antisemitismus und Genozid. Filme, besonders solche, die auf tatsächlichen Überlebensgeschichten basieren, können das Unfassbare in eine greifbare, persönliche Dimension bringen. Sie schaffen emotionale Nähe dadurch, dass sie persönliche Geschichten und menschliche Schicksale in den Vordergrund stellen und die Zuschauerschaft so tief berühren.
Sie bewahren dergestalt die Erinnerung an den Holocaust und ermöglichen es zukünftigen Generationen, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen. Sie erreichen ein breites Publikum und können Menschen ansprechen, die sich vielleicht nicht mit Büchern oder wissenschaftlichen Texten über die Shoah auseinandersetzen würden. Sie bieten narrative Freiheit: Durch fiktionale Elemente können komplexe Themen verdichtet und universelle Wahrheiten betont werden, die in einer rein dokumentarischen Form möglicherweise schwer zu vermitteln wären.
Fiktionalität birgt jedoch auch erhebliche Herausforderungen und Risiken. Gerade die Darstellung des Holocaust in fiktionalisierter Form ist eine äußerst sensible Aufgabe, in ethischer und ästhetischer Hinsicht, da sie ein historisches Ereignis von unvergleichlicher Tragweite und Grausamkeit betrifft. Es gibt vielfältige Argumente dafür und dagegen, ob und wie fiktionale Filme dieses Thema behandeln sollten.
Es besteht die Gefahr der Verharmlosung und Banalisierung, respektive, dass durch fiktionale Elemente die Realität des Holocaust abgeschwächt oder trivialisiert wird.
Es besteht zudem die Gefahr der ungewollten Unterhaltung: Wenn das Medium Film mit seinen erzählerischen Mechanismen (z. B. Spannung, Dramatik, visuelle Ästhetik, Musik) zu stark in den Vordergrund tritt, könnte das Thema wie ein „Filmstoff“ wirken und der Realität ihre Würde nehmen. Nicht zuletzt droht auch die unangemessene Vereinfachung: Die immense Komplexität und Brutalität des Holocaust lassen sich kaum vollständig in einem Film darstellen. Fiktion läuft Gefahr, die Geschichte zu verzerren oder zu stark zu vereinfachen.
Und dann gibt es natürlich noch die Frage nach der Ethik der Darstellung. Die Problematik, ob der Holocaust überhaupt in fiktionalen Filmen dargestellt werden kann oder sollte, wurde von Intellektuellen und Künstlern seit jeher kontrovers diskutiert. Theodor W. Adorno argumentierte, dass Kunst nach Auschwitz an ihre Grenzen stößt, da die Realität so grausam war, dass sie jede Form von ästhetischer Repräsentation übersteigt.
Die Probleme der filmischen Darstellung des Holocaust werden schon sehr lange diskutiert. Der französische Filmemacher Jacques Rivette vertrat bereits Anfang er 60er Jahre die Meinung, dass das Grauen und die Einzigartigkeit des Holocaust mit den Mitteln der Fiktion nicht adäquat dargestellt werden können. Jede künstlerische Darstellung riskiere, die Realität zu simplifizieren oder zu verzerren. Filme über den Holocaust sollten sich auf die Dokumentation und die Fakten konzentrieren, um den Opfern und der Geschichte gerecht zu werden. Fiktionalisierte Erzählungen könnten als Respektlosigkeit gegenüber den Opfern interpretiert werden. Durch die fiktionale Verarbeitung könnten die schrecklichen Ereignisse in den Bereich der Unterhaltung oder der dramatischen Konstruktion verschoben werden, was ihre historische Schwere mindern könnte. Diese Haltung Rivettes ist Teil einer breiteren Debatte, die unter Intellektuellen, Filmemachern und Kritikern in den 1950er und 1960er Jahren über die angemessene Darstellung des Holocaust geführt wurde. Claude Lanzmann, der Regisseur von „Shoah“ (1985), teilte eine ähnliche Perspektive wie Rivette und plädierte ebenfalls für eine dokumentarische Herangehensweise, um die Unmittelbarkeit und Authentizität der Ereignisse zu bewahren.
Ich sehe das mittlerweile anders. Fiktionale Filme können eine emotionale Ebene schaffen, die Zuschauerinnen und Zuschauer auf einer persönlichen und tiefgreifenden Weise anspricht. Diese emotionale Verbindung kann das Verständnis für die Grausamkeiten des Holocaust fördern und sicherstellen, dass seine Bedeutung nicht vergessen wird. Gerade heute, da der Holocaust oft relativiert und weichgespült wird, müssen jüngere Menschen erreicht werden. Ein Film wie „The Zone of Interest“, so sieht es der Sozialwissenschaftler Niklaas Machunsky, nivelliere das Besondere der Shoah und mache sie so zu einem Allerweltsereignis. Die Täter werden als ganz normale Menschen dargestellt, die sich in keiner Hinsicht von uns unterscheiden würden. Diese bewusste Enthaltsamkeit, so Machunsky, führe zu einer neunen Form, die die Shoah zum Verschwinden bringen würde. Dem kann ich nur einschränkungslos zustimmen. Abgesehen davon führt das dazu, dass die Banalität des Bösen von einer Analysekategorie in Mythologie umschlägt, wenn alle Täter nach der Banalitätsschablone zurechtgeschnitten werden.
Wenn man ihnen diese Grausamkeiten, den Sadismus und diese absolute Menschenverachtung nur angedeutet zeigt, werden sie nie begreifen, wie brutal es in Auschwitz zuging. Das wegen vermeintlicher Pornographie- und Voyeurismus-Vorwürfe visuell auszusparen, wäre meines Erachtens aus heutiger Sicht falsch. Weil es genau in diesem Kontext keinen Spielraum geben darf, wen man vor allen jungen Leuten, die generationenenfernte Realität zeigen will. Historische Dokumentationen oder akademische Texte erreichen meist nur eine begrenzte Zielgruppe. Fiktionale Filme haben oft eine größere Reichweite und können auch jüngere Menschen ansprechen, die sich sonst vielleicht weniger mit der Geschichte auseinandersetzen würden.
Die Argumentationen der Kritikerinnen und Kritiker dürfen selbstredend nicht vollkommen ignoriert werden. Filmschaffende müssen auch heute noch sicherstellen, dass Fiktion nicht zur Sensationslust oder zum Kitsch abgleitet, sondern der Würde der Opfer gerecht wird. Einige Filme, auch wenn sie unterschiedlich positiv oder negativ rezipiert wurden, haben gezeigt, dass eine fiktionale Auseinandersetzung mit dem Holocaust möglich ist, wenn sie mit größtem Respekt und Feingefühl geschieht:
- „Schindlers Liste“: Steven Spielberg verbindet Fiktion mit möglichst historischer Genauigkeit, um eine eindringliche Geschichte von menschlichem Leid und moralischem Heldentum zu erzählen.
- „Das Leben ist schön“: Roberto Benigni nutzt eine Mischung aus Komik und Tragik, um den Holocaust aus der Perspektive eines Vaters zu erzählen, der seinen Sohn schützen will. Der Film wurde kontrovers diskutiert, wird aber oft als gelungen betrachtet.
- „Son of Saul“: Dieser Film erzählt die Geschichte eines KZ-Häftlings und verwendet eine eindringliche, subjektive Perspektive, um das Grauen des Holocaust direkt und unvermittelt darzustellen.
Aber vor allem die Serie HOLOCAUST gilt es hier als ersten Meilenstein zu nennen.
Die Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss (1978) hatte eine tiefgreifende Wirkung auf die Öffentlichkeit, sowohl in den USA als auch in Europa, insbesondere in Deutschland. Die Serie führte zu intensiven Diskussionen über den Holocaust und die Verantwortung der Gesellschaft. Die Serie brachte das Thema Holocaust in die Wohnzimmer eines breiten Publikums und machte das Leid der Opfer für viele Menschen erstmals emotional greifbar. Durch die fiktive Erzählung der Geschichte der jüdischen Familie Weiss konnten sich Zuschauer emotional mit den Opfern identifizieren. Dies unterschied sich von nüchternen Dokumentationen und ermöglichte eine tiefere emotionale Auseinandersetzung.
Viele Menschen, insbesondere in Deutschland, hatten sich bis dahin kaum mit dem Holocaust auseinandergesetzt. Die Serie brachte das Thema in die Mitte der Gesellschaft.
Auch in den USA war die Serie ein großer Erfolg und erreichte Millionen Zuschauer. Sie verstärkte das Bewusstsein für den Holocaust und trug dazu bei, das Thema in die amerikanische Populärkultur zu integrieren. Die Serie führte zu einer verstärkten Anerkennung der Wichtigkeit, die Geschichte des Holocaust zu bewahren. Sie war ein Katalysator für Bildungsinitiativen und Holocaust-Gedenkstätten.
Aber die Wirkung der Serie war in Deutschland besonders intensiv und kontrovers: Bis zu 20 Millionen Deutsche sahen die Serie, was für die damalige Zeit außergewöhnlich war. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer sahen sich erstmals mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus konfrontiert. Die Serie war ein Wendepunkt in der deutschen Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Es löste eine Welle von Diskussionen in den Medien, Schulen und Familien aus. Viele Deutsche, insbesondere jüngere Generationen, begannen, die Rolle ihrer Eltern und Großeltern während des Dritten Reichs zu hinterfragen. Für viele war es schockierend zu sehen, wie systematisch die Vernichtung der Juden betrieben wurde. Dies führte zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung.
Die Serie wurde allerdings auch stark kritisiert, insbesondere von Historikern und einigen Überlebenden: Kritiker warfen der Serie vor, historische Ereignisse zu vereinfachen und durch ihre fiktionale Erzählweise zu emotionalisieren, was den Holocaust zu sehr in Richtung „Unterhaltung“ rücken könnte. Es bestand die Sorge, dass die Darstellung das wahre Ausmaß des Holocaust nicht vollständig abbilden und somit die Komplexität und Grausamkeit der Ereignisse verwässern könnte.
Gemessen an den langfristigen Auswirkungen, die der Vierteiler verursachte, schienen die Bedenken jedoch nicht so relevant zu sein. Denn die Serie führte in vielen Ländern zu einer stärkeren Integration des Holocaust-Themas in den Schulunterricht. In Deutschland wurde die historische Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit nachhaltig geprägt. Der Begriff „Holocaust“ wurde dadurch erst einer breiten Öffentlichkeit bekannt und in den allgemeinen Sprachgebrauch integriert. Die Serie war ein kulturelles Ereignis mit weitreichenden Folgen. Sie hat nicht nur das Bewusstsein für die Schrecken des Holocaust geschärft, sondern auch entscheidend dazu beigetragen, die öffentliche und persönliche Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte zu fördern. Trotz einiger Kritikpunkte bleibt sie ein Meilenstein in der Darstellung des Holocaust in den Medien.
Der Produzent der Serie, Marvin J. Chomsky, war Jude. Steven Spielberg ist Jude, Roman Polanski („Der Pianist“, 2002) ist Jude. Roberto Benigni ist es nicht.
Sind jüdische Filmemacherinnen und Filmemacher also prädestinierter Filme über den Holocaust zu machen? Sicher nicht. Aber sie haben entweder direkte familiäre Erfahrungen mit dem Holocaust oder fühlen eine Verantwortung, das jüdische Leid und die Geschichte des Holocaust zu bewahren. Diese persönliche oder kulturelle Verbindung kann sie dazu motivieren, diese Themen in ihren Werken zu behandeln. Jüdische Filmemacher können eine besondere Sensibilität und ein tiefes Verständnis für die jüdische Kultur, Traditionen und die kollektiven Traumata der Shoah einbringen. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie allein authentische oder ergreifende Holocaust-Geschichten erzählen können.
Als jüdische Filmemacherin fühle ich mich aufgrund meiner Identität und meiner Verbindung zur jüdischen Geschichte besonders verantwortlich, das Gedenken an den Holocaust aufrecht zu erhalten. Ich verstehe diese Verantwortung als eine Form von kollektivem Gedächtnis, bei der es darum geht, die Erfahrungen und das Leid der Opfer sichtbar zu machen und die Lehren der Geschichte zu bewahren. Aber das ist meine ganz persönliche und moralische Entscheidung.
Es wäre jedoch problematisch, hier von einer allgemeinen „Pflicht“ auszugehen. Kunst und Film sind Ausdrucksformen persönlicher Freiheit, und niemand sollte dazu gezwungen werden, sich mit einem bestimmten Thema auseinanderzusetzen, nur weil es zur eigenen Identität gehört. Nicht jede jüdische Filmemacherin oder Filmemacher fühlt eine direkte Verbindung zum Holocaust oder hat das Bedürfnis, darüber zu sprechen.
Aus meiner persönlichen Sicht können jüdische Filmemacher aufgrund ihrer kulturellen und familiären Hintergründe oft eine besondere Sensibilität und Authentizität bei der Darstellung von Holocaust-Themen mitbringen. Dies könnte ihnen ermöglichen, Geschichten zu erzählen, die tiefere Einblicke geben und stereotype oder ungenaue Darstellungen vermeiden. Es gilt in erster Linie der Respekt vor der historischen Wahrheit: Jede filmische Umsetzung dieses singulären Geschehens sollte historisch fundiert sein und das Gedenken an die Opfer wahren. Es gilt die Vermeidung von Sensationalismus, ergo sollten Emotionen authentisch und nicht manipulativ sein. Fiktion sollte meines Erachtens dazu beitragen, das Verständnis für den Holocaust zu vertiefen und nicht oberflächlich unterhalten.
Derartige Filme haben dann eine unbegrenzte Halbwertszeit und können von zentraler Bedeutung sein, um Erinnerungskultur eindringlich und weitreichend aufrechtzuerhalten.
Das Buch zum Film
BLOCK 10 – Die medizinischen Versuche an Frauen in Auschwitz
Wie handeln, wenn jedes Handeln falsch scheint? Auschwitz 1943: In Block 10 führen NS-Ärzte grausame Sterilisationen an weiblichen Häftlingen durch. Erst ein spektakulärer Prozess in London, in dem Überlebende aussagen, bringt 1964 die Wahrheit ans Licht. Die Öffentlichkeit erfährt so auch vom Schicksal jüdischer Häftlingsärzte wie Dr. Maximilian Samuel, der vorsätzlich Eingriffe unterließ, und dabei sein Leben riskierte.
Sein Schicksal haben Dr. Alice Brauner, die das Drehbuch schrieb, und Regisseur Marcus O. Rosenmüller mit hochkarätiger Besetzung verfilmt. Die historischen Fakten hinter der Leinwand trägt die promovierte Historikerin nun gemeinsam mit Heike Gronemeier in einem Buch zusammen. Dabei beleuchten sie nicht nur die »Grauzone« zwischen Überlebensinstinkt und moralischer Verantwortung, sondern sie geben auch den Opfern eine Stimme.
| Tag | Uhrzeit | Ort | Kino | Zu Gast | Tickets |
|---|---|---|---|---|---|
| Fr., 3.07. | 16:30 Uhr | München | Astor Film Lounge im ARRI | Cast & Crew | SOLD OUT |












